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Todesfälle durch Hitze und Auswirkungen auf die Sterbetafeln 

07 September 2026

Wie wurde die Zahl der Todesfälle aufgrund der Hitze ermittelt?

Das Robert Koch-Institut hat die Zahl der Todesfälle in Deutschland für das Jahr 2026 in Abhängigkeit von der durchschnittlichen Temperatur einer Woche modelliert (Bericht Hitzemortalität, abgerufen am 27.08.2026). Die Modellierung folgt den Erfahrungen der vergangenen Jahre, wonach sich in den Wochen mit einer durchschnittlichen Temperatur oberhalb von 20 °C üblicherweise eine höhere Sterblichkeit zeigt.

Zwei Szenarien wurden modelliert: Das eine Szenario entspricht dem tatsächlichen Temperaturverlauf, das andere unterstellt einen auf 20 °C begrenzten Temperaturverlauf. Der Unterschied entspricht der geschätzten Zahl der Todesfälle aufgrund der Hitze. Die Zuverlässigkeit der Modellierung wird durch Vergleich der modellierten zur tatsächlichen Sterblichkeit bestätigt.

Auf Basis dieser Berechnungen kommt das Robert Koch-Institut bis zum 16.08.2026 auf eine Zahl von 15.800 Todesfällen mit einem Unsicherheitskorridor („95%-Prädiktionsintervall“) von 14.500 bis 17.000 Fällen.

Entspricht diese Zahl der Übersterblichkeit während der Hitzeperioden?

Tatsächlich lag die Zahl der tatsächlichen Todesfälle höher als die Zahl der modellierten Todesfälle. Das deutet darauf hin, dass die Sterblichkeit aufgrund der Temperaturrekorde Ende Juni sogar höher war, als sich allein aufgrund der Erfahrungen der Vergangenheit ergibt.

Zum Vergleich hat das Robert Koch-Institut daher zusätzlich die Übersterblichkeit ermittelt. Dabei wird die Sterblichkeit im aktuellen Jahr mit der Sterblichkeit der Vorjahre verglichen. Auf diesem Wege kommt das Robert Koch-Institut sogar auf 20.500 zusätzliche Todesfälle (mit einer Spanne von 16.100 bis 24.600).

Die Berechnung einer Übersterblichkeit ist ein gängiges Verfahren, um die Zahl der Todesfälle aufgrund eines vorübergehenden Ereignisses zu ermitteln. Allgemein bekannt wurde das Verfahren bei der laufenden Ermittlung der Sterblichkeit aufgrund von Covid-19 während der Pandemie. Das Robert Koch-Institut hat es vor der Coronapandemie auch für die jährlichen Grippewellen angewendet.

Die Erhöhung der Sterblichkeit an den heißen Tagen ist tatsächlich signifikant. Die höchste Sterblichkeit wurde am 28.06.2026 erreicht. An diesem Tag wurden in Deutschland 4.938 Todesfälle gemeldet. Am gleichen Tag der Jahre 2021 bis 2025 lag die Spanne bei 2.436 (2023) bis 2.865 (2024) (Themenseite Sterbefallzahlen) des Statistischen Bundesamtes, abgerufen am 27.08.2026. An diesem einen Tag sind in Deutschland also vermutlich mehr als 2.000 Menschen allein aufgrund der Hitze gestorben.

Welche Berechnung ist die richtige?

Wie bereits dargelegt, scheint die Modellierung des Robert Koch-Instituts die Zahl der tatsächlichen Todesfälle zu unterschätzen.

Allerdings stößt auch die Betrachtung der Übersterblichkeit an Grenzen. Sie führt zu falschen Ergebnissen, wenn in den Vergleichszeiträumen der Vorjahre ebenfalls hitzebedingt erhöhte Sterblichkeiten vorlagen – oder die Zahlen aus anderen Gründen erhöht oder verringert waren.

Außerdem ist zu beachten, dass die Sterblichkeit nicht unbegrenzt mit früheren Jahren verglichen werden kann. Die Altersstruktur der Bevölkerung ändert sich im Zeitablauf, das Durchschnittsalter steigt an. Allein dadurch steigt die Zahl der Todesfälle kontinuierlich an, was bei der Berechnung der Übersterblichkeit berücksichtigt werden müsste. Bei einem Vergleich über wenige Jahre (hier 2021 bis 2026) ist dieser Effekt aber noch nicht sehr ausgeprägt, sodass er vernachlässigt werden kann.  

Insgesamt ist das Modell des Robert Koch-Instituts aber einer reinen Betrachtung der Übersterblichkeit vorzuziehen.

Anhand der amtlichen Todesursachenstatistik lassen sich die Zahlen übrigens nicht überprüfen. Abgesehen davon, dass die Todesursachenstatistik für 2026 erst spät im Jahr 2027 zur Verfügung stehen wird, würde sie auch nicht helfen, da es keine einheitliche Todesursache „Hitze“ gibt: Stirbt eine vorerkrankte Person aufgrund der Hitze, wird als Todesursache oftmals dennoch die Grunderkrankung angegeben.

Hinzu kommt, dass die Todesursachenstatistik auch nur eine begrenzte Zuverlässigkeit aufweist. Bei Obduktionen zeigt sich immer wieder, dass ein bedeutsamer Teil der Todesursachen in der Leichenschau falsch bestimmt wurde. In der Presse wird darüber gerne unter dem Aspekt der unentdeckten Morde berichtet. Die Fehler ziehen sich aber durch alle Todesursachen. Das Statistische Bundesamt zeigt im Qualitätsbericht zur Todesursachenstatistik die möglichen Quellen für Ungenauigkeiten und Fehler auf, muss aber einräumen, dass ihr Umfang bis jetzt noch nicht qualifiziert und quantifiziert werden konnte.

Kann es sich bei den zusätzlichen Todesfällen um kurzzeitige Vorzieheffekte handeln?

Es wäre durchaus denkbar, dass es sich bei der erhöhten Zahl der Todesfälle in Hitzewochen um einen kurzfristigen Vorzieheffekt handelt, dass also vor allem vorerkrankte Personen betroffen waren, die ohne die Hitze nur kurze Zeit später gestorben wären.

Dafür geben die statistischen Zahlen allerdings keinen Anhaltspunkt. Wäre ein solcher Vorzieheffekt signifikant, müsste er in der Zeit nach einer Hitzeperiode in Form einer deutlich verminderten Sterblichkeit erkennbar sein. Für 2026 ist ein solcher Effekt noch nicht absehbar.

Werfen wir daher zum Vergleich den Blick auf ein Jahr, für den die Sterbefallzahlen bereits für das ganze Jahr vorliegen. Im Jahr 2018 gab es ebenfalls eine besonders ausgeprägte Hitzewoche mit einer deutlich erhöhten Sterblichkeit, damals war es die 31. KW. Nach Ende der Hitzeperiode war keine Untersterblichkeit erkennbar. Wir müssen also davon ausgehen, dass Hitze zu einer echten Erhöhung der Sterblichkeit des Jahres führt, dass also zumindest ein Teil der Menschen nicht nur um einen kurzen Zeitraum, sondern sogar deutlich früher als ohne die Hitze stirbt.

Wie ist die Zahl der Todesfälle aufgrund der Hitze insgesamt einzuordnen?

Die Zahl von knapp 16.000 Hitzetoten in relativ kurzer Zeit zeigt, dass Deutschland nicht gut auf Hitze vorbereitet ist.

Deutschland liegt in der kühlgemäßigten Klimazone. Vor Einsetzen des Klimawandels lag die Jahresdurchschnittstemperatur deutlich unter 10 °C, mittlerweile wird diese Marke in manchen Jahren überschritten.

Bei einer Jahresdurchschnittstemperatur um 10 °C ist Kälte während des Winters zunächst ein größeres Problem als Wärme während des Sommers. Es ist für uns selbstverständlich, dass jede Wohnung eine Heizung benötigt, während Kühlungen noch nicht einmal in Altersheimen oder Krankenhäusern Standard sind.

Die knapp 16.000 Hitzetoten sind somit sowohl eine Folge des verschleppten Klimaschutzes (der die Zunahme der Hitzetage ermöglicht hat) als auch der ebenfalls verschleppten Klimaanpassung (die dann zu den Todesfällen beigetragen hat).

Zum Gesamtbild gehört aber auch, dass die Sterblichkeit im Winter deutlich höher als im Sommer ist. In den Jahren 2021 bis 2025 sind jeweils im ersten und vierten Quartal 60.000 bis 80.000 Menschen mehr gestorben als im zweiten und dritten Quartal.

Die Woche mit der bisher höchsten Sterblichkeit im Jahr 2026 war die 26. KW, die letzte Juniwoche, mit 24.467 Todesfällen. An zweiter Position steht bereits die 2. KW, eine Januarwoche, mit 23.386 Todesfällen.

Ursache können Todesfälle aufgrund von Grippe, Covid, RSV und anderen Atemwegsinfektionen sein. Leider stehen hierfür im Moment keine zuverlässigen Daten zur Verfügung. Im Moment entwickelt das Robert Koch-Institut ein neues Modell zur Schätzung der Sterblichkeit aufgrund der Grippe.

Welche Bedeutung hat die Zahl der Todesfälle aufgrund der Hitze für die verwendeten Sterbetafeln?

Die Deutsche Aktuarvereinigung hat gerade einen Ergebnisbericht veröffentlicht, nach dem eine Anpassung der Heubeck-Richttafeln 2018 G derzeit nicht erforderlich ist (zum Ergebnisbericht). An dieser Einschätzung ändert sich auch durch die aktuellen Zahlen nichts.

In Deutschland sterben jährlich gut 1 Mio. Menschen. Eine zusätzliche Zahl von knapp 16.000 Todesfällen aufgrund der Hitze entspricht also etwa einer Steigerung von 1,6 %.

In den Heubeck-Richttafeln 2018 G ist für die meisten Altersklassen eine jährliche Verringerung der Sterblichkeit von ungefähr 2 % eingerechnet.

Zwar ist im Moment aufgrund der erhöhten Sterblichkeitszahlen während der Coronapandemie nicht klar, ob sich dieser Trend fortsetzt. Allerdings handelt es sich bei der Zahl von 16.000 Hitzetoten auch nicht um einen Trend, sondern um eine Absolutzahl für das Jahr 2026. Die jährliche Erhöhung der Sterblichkeit aufgrund der Zunahme von Hitzetagen und anderen klimabedingten Effekten wird daher deutlich weniger als 1 % betragen.

Die Notwendigkeit einer Anpassung der Richttafeln lässt sich daraus also weiterhin nicht ableiten (siehe dazu auch die frühere Veröffentlichung auf Pensions Industries vom 11.07.2023).

Handlungsbedarf haben wir nicht bei der Anpassung der Sterbetafeln, wohl aber bei der Anpassung an Hitzeereignisse.
Thomas Hagemann

Chefaktuar

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